‘Kriegsende 1945 - Weißt du noch?‘.

Ich bin die kleine Elisa aus der Geschichte, einer Nacherzählung von Erinnerungen aus dem Nachkriegswinter, an ein warmes Stübchen eines alten Bauernhauses, in dem wir nach der Flucht untergebracht waren. Sie haben sich tief eingeprägt.

Warmes Licht einer Petroleumlampe bescheint die gesenkten Köpfe meiner Mutter und Geschwister. Das ‚gute‘ Wohnzimmer, stets eiskalt, wird aus Sparsamkeit nur zu Feiertagen geheizt. Nah beieinander kauern wir in diesen dunklen Winternächten um einen runden, mit geblümtem Wachstuch bedeckten Holztisch. Mit gesenkten Häuptern werden, wieder und wieder, Erlebnisse der Flucht im eiskalten Winter 1945 erzählt. Verhalten und zäh lösen sich die Worte von den Lippen. Wenn der Bann gebrochen ist, gleiten sie leichter über die Lippen. Sie lösen das Trauma der langen Flucht vor der russischen Armee aus der preußischen Provinz Schneidemühl, und dem nachfolgendem Exodus von Lager zu Lager. Der Vater ist an diesen Abenden nicht da, ist unterwegs, hat zu tun. Er mag die Kriegserinnerungen gar nicht, war zu der Zeit an der Ostfront.

„Weißt du noch ...?“, beginnen die meisten Sätze. „Weißt du noch, wie der tote Bahnwärter vor seinem Wärterhäuschen lag?“ fragt meine Schwester Anna unseren Bruder Johann. „Wisst ihr noch, als wir auf der Flucht bei einer Bäuerin auf einem Kotten Unterschlupf fanden und russische Soldaten den Hof stürmten?“ ergänzt Otto, mein ältester Bruder.

„Stimmt! Sie erschossen aus Rache alle Männer des Dorfes. Flugs hat die Bäuerin ihren Vater, den einzigen, noch lebenden Mann des Ortes, in die Holztruhe gesteckt, sich darauf gelegt und dick zugedeckt. Ein Soldat stürmte herein. Die Frau stöhnte. Da rief unsre Mutter flehend dem Soldaten zu: „Frau sehr, sehr krank, Typhus, muss bald sterben ...!“ „Voller Panik rannte der Soldat hinaus, erschoss im Hof ein Schwein, lud es auf, und fuhr mit seinem Trupp grölend weg“, ergänzt Johann, der Zweitälteste, mit bewegter Stimme.

„Wisst ihr noch, dass in den Flüssen tote, aufgequollene Kühe schwammen?“, fragt Otto, macht eine Pause, sieht ängstlich zur Mutter hinüber... räuspert sich und fährt fort: „In einer Scheune, die wir durchgefroren erreichten, flüsterten uns die Frauen zu, dass wir laut schreien sollten, wenn Russen den Unterschlupf stürmen würden. Voller Angst verwandelten sich die Frauen in alte Weiblein, zogen die Kopftücher tief ins Gesicht, das sie vorher mit Erde verschmutzt hatten.“ Lange schweigt die Mutter mit gesenktem Kopf. Die alte Wanduhr tickt träge, zählt die Minuten. Mutters Gesicht ist verschlossen. Anna und Johann sehen sich ängstlich an. „Ach, was wisst ihr schon vom Leben“, flüstert Mutter mit verschlossener Miene. „Ich gehe mal in die Küche, hab‘ einen ganz trockenen Hals ...“ Ihre Stimme klingt brüchig. Wir lauschen, vernehmen aus der Küche den ‘Plopp-Laut‘ der Flasche mit dem westfälischen Doppelkorn.

„Wisst ihr noch“, flüstert Johann, „wie Mutter …“, er schaut zur Küchentür und sagt leise zu Anna: „Als Mutter über die Gleise ging, sich total verlaufen hatte und weinte: „Ach wäre ich doch tot.“ Er stockt. Mutter kommt ins Zimmer, schaut sich prüfend um. In der Hand Apfelsaft aus Äpfeln eigener Ernte für die Kinder. „Erinnert ihr euch, fährt Otto fort, als ein betrunkener Soldat in ein verlassenes Schulhaus stürmte, einen Armeerevolver an Elisas Stirn hielt und grölte, Mutter soll mitkommen, sonst würde er abdrücken.“ Elisa hebt den Kopf, schaut mit weit aufgerissenen Augen auf Johann: „Wirklich?“ „Ja, aber da entdeckte er eine alte Klampfe an der Wand, riss sie herunter, steckte die Pistole weg und sang, sich im Kreise drehend, wehmütig russische Lieder. Die Klampfe hat dich gerettet“, ergänzt Johann nachdenklich, „und Mutter auch“. Eine Pause entsteht. „Ach, was wisst ihr schon?“ … leiser, flüsternd: „Du hattest hohes Fieber, Johann Erfrierungen an den Händen und ich … Um Dich am Leben zu erhalten, habe ich viel unter den Russen gelitten, Elisa“, sagt die Mutter kaum hörbar. Elisa schluckt. „Seid alle froh, dass Ihr noch lebt.“

Die Köpfe der Kinder senken sich. Mit verhärmter Miene fährt die Mutter stockend fort, als wäre es gestern gewesen: „Da war ein Güterzug, vollgepfropft mit Flüchtlingen, die sich frierend und eng aneinander drückten. In diesen Zug wollte ich mit Euch, mit Kinderwagen und Säugling einsteigen, als plötzlich jemand schrie und die Menschen aus ihrer Lethargie riss. „Mein Mann ist tot!“ Aufruhr. Ein Bahnwärter, mit Frost gezeichnetem Gesicht und einer Uniformmütze mit dicken Ohrenklappen eilte herbei, packte zu. Der Erfrorene fiel in das Schneebett neben den Gleisen, das den Toten sofort umschloss. Träge setzte sich der überfüllte Zug in Bewegung. Schweigen. Unsicher zur Mutter hinübersehend fragt Anna mit gesenkter Stimme: „War das an dem Tag, als Otto verloren ging?“, „Ja, das war der schlimmste Tag in meinem Leben. Sie wendet sich an den Ältesten: „Als der Zug anfuhr warst du plötzlich weg. Verschwunden! Warst doch eben mal erst 10 Jahre alt ... Ach Otto, wir haben dich gesucht, du warst wie vom Erdboden verschluckt in dem Andrang, der Hysterie, der Not und dem Getümmel …“ „Ich dachte, dass wir mit dem Zug weiter gen Westen fahren wollten, das war unser Plan … Bin noch aufgesprungen … zu spät ... merkte, dass ich plötzlich ganz allein mit all den fremden, frierenden Gestalten im Zug eingepfercht war, nicht mehr ‘rauskam, dachte, dass ich Euch nie mehr wiedersehen würde.“

Und was hast Du gemacht?“, fragt Elisa. „Ich wusste, dass Mutters Schwester, Tante Bertha, in Zossen/Berlin, eine Gärtnerei hatte. Irgendwie hab‘ ich immer Leute getroffen, die mir weiterhalfen, hab‘ mich, wörtlich gesagt, durchgeschlagen. Bin irgendwie angekommen. Fragt mich lieber nicht wie, erinnert mich nicht dran“, sagt er abweisend und sieht in fragende Augenpaare. „Ich musste, auch Tante Bertha mit Familie floh vor den Russen, von Berlin in den Westen, für alle die Handkarre ziehen, in der ihre Blagen saßen!“, sagt er verdrossen. „Otto, sei dankbar!“, mahnt die Mutter: „Durch Tante Bertha haben wir uns ein Jahr später alle im Westen wieder gefunden.“ Elisa, völlig übermüdet, nickt ein. Sie hat wieder diesen bedrückenden Traum, der sie nachts häufig quält: Motorradlärm. Ein Mann in schwarzem Ledermantel tritt aus der Dunkelheit. Der schwarze Metzger! Seine stechenden, hervorquellenden Augen und der fette Glatzkopf wirken unheimlich. Schon wird ein Schwein, in Todesangst schrill und panisch quiekend, aus dem Stall gezerrt. Das Tier sträubt sich gegen den Strick um seinen Hals. Es kann nur mit Gewalt ins Backhaus gedrängt werden. Die Geschwister Johann und Anna schleichen, neugierig geduckt, auf das Backhaus zu, um beim Schlachten zuzusehen. Unbemerkt trappelt Elisa hinterher, glotzt durch das, mit Spinnweben verhangene, Backhausfenster, drückt sich die Nase platt, als ein wuchtiger Schlag den Kopf des Schweines trifft. Ein Revolverschuss zerreißt die Stille der Nacht. Die Gummischürzen des Metzgers und des Vaters werden im Nu mit Blut bespritzt. Das Tier sackt, einen furchtbaren, wehen Laut ausstoßend, zusammen. Die Kinder erstarren. Geübt lässt der Vater Blut des Tieres in eine Wanne laufen. Nun klebt auch an seinen Händen Blut.

©Barbara Stewen 2025