Marie Antoinette: Glanz und Absturz einer Königin .

Eine biografische Erzählung von Barbara Stewen

Marie Antoinette, die jüngste Tochter der Königin Maria Theresia von Österreich, heiratete 1770, als 14-jährige, den französischen Dauphin Ludwig August von Frankreich im Schloss zu Versailles. Vier Jahre später war sie Königin von Frankreich. Das Volk jubelte ihr zu, hingerissen von ihrem Charme und ihrer Schönheit.
Doch die Ernüchterung ließ nicht auf sich warten. Die junge Königin verlor jeden Bezug zum Geld und zur Bedürftigkeit großer Teile ihres Volkes. Durch Intrigen ihrer Feinde geschürt, begann ihr unvermeidlicher Abstieg.

Lesung am 14.02.20, 18:00 Uhr im ILC –Internationaler Lyceum Club e.V. Albertusstraße  13-17, 50667 Köln

Prolog

„Madame, Madame, Hofjuwelier Böhmer ist gestern völlig verstört im Palast erschienen und hat um Audienz ersucht! Er berichtete, Sie hätten heimlich bei ihm ein überaus kostspieliges Diamantcollier bestellt und die erste vereinbarte Rate sei bisher nicht bezahlt! Die Gläubiger bedrängen den Juwelier. Er steht vor dem finanziellen Ruin und braucht sofort Geld!“

„Madame Capmann! Wie? Was erzählen sie da?! Welche Diamanten? Welches Halsband? Welches Geld? Was für Raten?!“
Marie Antoinette ist außer sich. Sie befindet sie sich auf dem Weg nach Trianon, ihrem kleinen Lustschlösschen, um für „Den Barbier von Sevilla“ zu proben. Sie muss sich beeilen, unbedingt ihre Rolle als „Rosinchen“ üben! Die Premiere soll schon bald auf Trianon stattfinden, und sie, Marie Antoinette, will ihr Debüt als Schauspielerin geben. Nun kommt mir die Hofdame dazwischen und verdirbt mir die Laune. Dunkel erinnert sie sich, dass sie vor einigen Tagen von den Juwelieren Böhmer und Bassenge einen sonderbar klingenden Brief bekam. Darin bedankten sie sich überschwänglich für „den Auftrag“ und erwähnten kostbaren Schmuck.
Fahrig und unkonzentriert hat sie das Schreiben überflogen, und dann Kopf schüttlend in den Kamin geschleudert, wo das Beweistück verglimmte.
Vage erinnert sie sich, dass die beiden Juweliere ihr schon zweimal nach dem Tod des Schwiegervaters, Ludwigs XV, im Jahre 1774 auf den Pelz rückten und ihr ein angeblich für Madame Dubarry (Marie-Jeanne du Barry 1743-1793) angefertigtes Halsband anboten. Die Dubarry braucht es ja nun nicht mehr, denn ihr Gönner ist tot, hatte sie gedacht.
Sehr gerne hätte sie das prachtvolle Collier, mit den mehr als dreihundert Girlanden förmig aufgereihten Diamanten besessen, jedoch die Minister schwatzten damals schon stets vom horrendem Defizit und sogar Ludwig XVI war nicht zum Kauf des kostspieligen Schmucks zu bewegen, was selten vorkam.
Marie Antoinette ist nervös. Sie fiebert ihrer Theaterprobe entgegen, lässt hastig von ihrem Sekretär ein Billett an Juwelier Böhmer schreiben, bestellt ihn aber leichtsinnigerweise nicht sofort ein. Sie denkt nicht daran, unverzüglich zu beweisen, dass sie selbst nichts bestellt hat, und die Geschichte klarstellen muss. Sie hat nur ihre Rolle als ‘Rosinchen‘ im Kopf.
Ab jetzt arbeitet die Zeit gegen die Regentin, und für die Verleumder. Am 9. August 1785, erscheint bleich und sehr erregt Juwelier Böhmer im Palast und erzählt eine so unglaubliche Geschichte, dass Marie Antoinette fröstelt. Erstmalig spürt sie eine Bedrohung, die sie sogleich verdrängt. Die Halsbandaffäre nimmt ihren Lauf. Wie konnte es dazu kommen, dass Marie Antoinette verdächtigt, und in diesen Skandal verwickelt wurde? Wir drehen die Zeit um dreizehn Jahre zurück.

Ein Teenager am französischen Königshof

1773. Im Schloss zu Versailles gehen die Lichter aus.
Die Festbeleuchtung, die dem prunkvollen Anwesen noch zwei Stunden zuvor märchenhaften Glanz verlieh, ist erloschen. Nur die Laternen der Allee und des Schlosseingangs, und einige schwache Lichter, die hier und da noch unruhig hinter den Fenstern des Palastes flackern, lassen die Umrisse des Palastes im Halbdunkel der mondlosen, milden Mainacht versinken.
Plötzlich, minutiös geplant und wie von Geisterhand geführt, öffnen sich die großen Tore des Versailler Parks. Lakaien springen zur Seite, um drei, in rasendem Tempo herannahende, elegante, dunkle Kaleschen vorbeizulassen. Kurz blitzen die, mit Goldtressen und Messingknöpfen versehenen Uniformen der verdutzten Torwächter im Schein der Wagenlaternen auf. Prächtige Kutschen rauschen vorbei. Aus dem Innern ist übermütiges Gelächter zu vernehmen. Schon bald wird der ausgelassene Stimmenpegel vom dem Lärm übertönt, den Metall beschlagene Wagenräder und Pferdehufe auf holprigem Pflaster erzeugen, bis das endlich die Straße nach Paris erreicht ist.

Das unebene Pflaster und die Geschwindigkeit, zu der die Pferde angetrieben werden, stören die Stimmung im Innern des Wagens nicht, denn das Schaukeln und Beben der Kaleschen scheint die Ausgelassenheit der Gesellschaft anzuheizen. Das Ziel ist nahe. Die Wangen der ausgelassenen Insassen sind vom Champagner und angeregter Unterhaltung gerötet. Marie Antoinette (1755-1793) atmet auf, ist wie stets froh über jegliche Zerstreuung, die sich ihr bietet. Mit nahezu kindlichem Vergnügen schüttelt die Achtzehnjährige ausgelassen lachend den Kopf, schiebt neugierig die schützenden Samtvorhänge der Kutsche beiseite und schaut erwartungsvoll auf die Lichter der nahenden Stadt. Dabei rutscht die weite, schwarze Samtkapuze ihres Umhangs vom kunstvoll frisierten, hoch aufgetürmten Haarschmuck, in dem zarte Perlengirlanden befestigt sind.

Tropfenförmige, kostbar blitzende, Diamantohrringe werden sichtbar, fangen jeden Lichtstrahl auf. Die zahlreichen Facetten der geschliffenen Steine reflektieren das Licht hundertfach. Die Augen der mädchenhaften Frau sind durch eine federartige Maske fast verdeckt, leuchten jedoch bei jeder Bewegung der Trägerin erwartungsvoll auf.
Paris, jetzt so nah! Endlich, nach fast drei Jahren, eingesperrt in dem goldenen Käfig Versailles, ist sie dem Hof und der strengen Etikette für eine Nacht entwischt. Marie Antoinette, die zukünftige Königin von Frankreich, lässt sich von den Brüdern ihres Gatten, den Grafen Charles von Artois (1757-1836), und Ludwig Graf von Provence (1724-1830) sowie einigen anderen jungen, vergnügungssüchtigen Adeligen heimlich nach Paris entführen. Ein Abenteuer.
Marie Antoinettes Ehemann, der zukünftige König Ludwig XVI, sitzt stumm und schläfrig, ja fast verdrossen in den Samtpolstern. Er konnte den Bitten seiner Frau zu diesem heimlichen und nächtlichen Ausflug, wie stets, nicht widerstehen. Quasi inkognito ist ein Besuch des Pariser Opernballs geplant. Jedes Mal, wenn den künftigen König der Schlaf übermannt, sich sein Mund zu einem Schnarchlaut formt, wird er von dem prustenden Gelächter der ausgelassenen Clique geweckt. Dauphin Ludwig (1754-1793) liegt gerne schon um zehn Uhr abends in seinem weichen Daunenbett. Er liebt die Ruhe und hasst Aufregungen und schnelle Entscheidungen. Dauernd sitzen ihm seine Großtanten, die Damen Adelaide, Victoire, und Sophie, unverheiratete und vergällte Schwestern seines Vaters, König Ludwig XV (1710-1764) im Nacken wegen des unhöfischen Betragens seiner Frau. Andererseits haben die sehr frommen, aber intriganten Schwestern Ludwigs XV Marie Antoinette aufgestachelt, ja geradezu animiert, bei öffentlichen Anlässen der Geliebten König Ludwigs den Gruß zu verweigern. Sie soll die Dubarry, die „in Sünde lebende Hure“, ächten. Listig spannen die Damen des Hochadels Marie Antoinette für ihre Zwecke ein, bleiben lauernd im Hintergrund.

Der Skandal bleibt nicht aus; die von Marie Antoniette Geächtete tobt, und macht ihrem alternden Geliebten dramatische Szenen. Der König, ist der jungen, schönen Österreicherin durchaus zugetan. Schweren Herzens ruft er sie streng zur Ordnung. Marie Antoinette sträubt sich vehement, will ihren stolzen, habsburgischen Nacken nicht beugen.
Mutter Maria Theresia eingeschaltet. Inzwischen fühlt sich Ludwig XV durch die Frau seinen Sohns düpiert! Maria Theresia, eine politische Krise fürchtend, redet in Briefen ihrer Tochter ins Gewissen, fordert sie auf, der Madame Dubarry die Höflichkeit zukommen zu lassen, zu der man jedem Menschen gegenüber verpflichtet sei. Der Österreichische Botschafter, Florimond Claude, Graf von Mercy-Argenteau (1727-1794), wird hinzugezogen und soll auf die störrische Gattin des Dauphins einwirken. Endlich, nach zahlreichen fehlgeschlagenen Versuchen und monatelangem Zögern, gibt die siebzehnjährige Marie Antoinette auf. Anlässlich des traditionellen Neujahrsempfang im Jahre 1772 bringt sie einige nichtssagende Worte über ihre stolzen Lippen, den Kopf dabei aber nur halbwegs der Dubarry zugewandt: „Es sind heute viele Leute in Versailles!“, sprach’s und sagte nie mehr ein Wort zur Geliebten des Königs, die jedoch zunächst zufrieden war.
Der nächtliche Ausbruch des Thronfolgerpaares ins wilde Pariser Nachtleben schien unbemerkt geblieben zu sein. Am nächsten Morgen nehmen alle Beteiligten des Abenteuers scheinheilig, mit bewusst unschuldigen Mienen an der obligatorischen Frühmesse der Königsfamilie teil. Sie erwecken keinerlei Verdacht.

Erst einige Wochen später, am 8. Juni 1773, besucht die 17-jährige Marie Antoinette ganz offiziell Paris. Dieses Mal ist es die große Hofkarosse, die mit offenem Verdeck durch das geschmückte Paris fährt, während sich ein strahlend blauer Frühsommerhimmel über die Stadt spannt. Die Menge jubelt, schreit vor Entzücken, schwenkt Hüte und Mützen, reicht Geschenke dar, ist scheinbar ganz vernarrt in die junge, schöne Prinzessin.
Das empfindet auch Marie Antoinette, als sie ergriffen ihrer Mutter schreibt: „Letzten Dienstag habe ich ein Fest erlebt, das ich in meinem Leben nie vergessen werde: Unseren Einzug in Paris. An Ehrungen haben wir alle empfangen, die man sich ausdenken kann, aber dies war es nicht, was mich am tiefsten ergriffen hat, sondern die Zärtlichkeit des armen Volkes, das trotz der Steuern, mit denen es bedrückt ist, von Freude durchdrungen war, uns zu sehen. ...........wie glücklich ist man doch in unserem Stand, dass man Freundschaft so leicht gewinnen kann. Und doch gibt es nichts Kostbareres, ich habe das wohl gefühlt, und werde das nie vergessen.“
Aber Marie Antoinette vergisst.
Doch sie wird sich mit jeder Faser ihres Herzen erinnern, als sie zwanzig Jahre später durch Paris gekarrt wird, und aus dem Jubel hässliches und schändliches Geheul geworden ist

Hoffnungsschimmer und Eitelkeiten

Mai 1774, ein Jahr nach Marie Antoinettes erstem offiziellem Auftritt in Paris, stirbt König Ludwig XV qualvoll an Pocken. Das hindert die Bevölkerung nicht, voller Begeisterung dem jungen Königspaar, zuzujubeln. Besonders überwältigt sind sie von der reizenden Marie Antoinette, erweisen ihr die Ehre. Ausgelassener Jubel am Straßenrand. Die französische Bevölkerung hofft auf Verbesserungen in dem finanziell heruntergewirtschafteten Staat. Die begonnenen Reformen Ludwigs XV haben keine Besserungen gebracht.
Diese Hoffnungen werden bitter enttäuscht. Die horrenden Ausgaben des Hofes steigen, von Monat zu Monat, obwohl der König selbst recht bescheiden lebt, Er begibt sich lieber auf die Jagd oder igelt sich in seiner eigenen Schlosserei ein. Das Handwerk reizt ihn mehr, als die Staatsgeschäfte am Schreibtisch. Des Königs träge, unschlüssige bis gleichgültige Haltung, und leichtsinnige Verschwendungssucht der Königin lassen den Unmut der Untertanen steigen.

Es brodelt im Volk. Als im Jahr 1775 eine Missernte die Felder verdorrt, wird eine Hungerkatastrophe befürchtet. Aus anfänglicher Begeisterung für das Königspaar bildet sich langsam eine Hassliebe, die mit den Jahren in Verachtung übergeht und sich ganz besonders auf die junge, verschwenderische Österreicherin konzentriert. Der Einwand, dass Marie Antoinette fast noch ein Kind war, als sie an den französischen Hof kam, mag nun nicht mehr gelten.

Es ist nicht leicht für den Teenager, sich in der kühlen, durchorganisierten, aber auch verdorbenen, intriganten und korrupten Welt des Versailler Hofes zurechtzufinden. Marie Antoinettes kluge Mutter, Kaiserin Maria Theresia, stellt nun der Tochter vertrauensvolle, erfahrene Ratgeber zur Seite, so z.B. einen Abbé und den schon erwähnten Botschafter Mercy. Doch die junge Königin versucht, den, in ihren Augen „alten Aufpassern“, listig und geschickt auszuweichen.
Mehrmals mahnt Maria Theresia sorgenvoll, in immer eindringlicheren Zeilen und Appellen, ihre leichtsinnige Tochter zur Ordnung zu rufen. Sie weist mit scharfen Worten Marie Antoinette zurecht. „Sie soll nicht nur Königin der Mode und des Vergnügens, sondern Vorbild, eine verantwortungsvolle Regentin des französischen Volkes sein…“ Streng verurteilt sie die Alleingänge der Tochter ins Pariser Nachtleben, und die exzessive Spielleidenschaft. Wörtlich: „Eines Tages wirst Du das einsehen, aber zu spät. Ich hoffe, diesen Augenblick nicht erleben zu müssen ...“ Eine dramatische, fast seherische Aussage der besorgten Mama, die mit den Jahren immer eindringlicher formuliert wird. Marie Antoinette ist schön und charmant, aber auch oberflächlich, fahrig und vergesslich. Biografen erwähnen, dass sie es kaum schafft, einen Brief zu Ende zu bringen, ein Buch zu lesen, sich weiter zu bilden, oder einmal das Königreich und seine Bewohner kennen zu lernen.
Stattdessen beschäftigt sie sich täglich stundenlang mit der Gestaltung ihres Äußeren, das stets glanzvoll in Szene gesetzt werden soll. Übernächtigt, weil sie häufig erst in den frühen Morgenstunden von Bällen und anderen Vergnügungen ins Schloss eilt, beginnt sie übellaunig und fahrig den Tag. Jeden Morgen erscheint, auf die Minute pünktlich, die Oberzofe am Bett der zerzausten Nachtschwärmerin. Sie reicht der gähnenden Königin Folianten, in die alle Stoffmuster der Roben, die am Tag getragen werden, eingeheftet sind. Diese Wahl ist bei Hofe wahrlich verantwortungsvoll, wenn man bedenkt, dass es in jeder Saison zwölf neue Staatskleider, eben so viele Phantasiekleider, zwölf Zeremonienkleider und noch an die Hundert andere Roben zur Auswahl gibt, in die sich die die Königin jährlich hüllt.
Es wäre impossible, zweimal in dem gleichen Kleid gesehen worden zu sein! Täglich werden die Gewänder für den Empfang, das Staatskleid, ein Nachmittagskleid und eine große Abendrobe, neu bestimmt. Doch das ist erst der Anfang der Tagesanstrengung. Zur Robe gehören auch Hemdchen, Schühchen, Korsette, Reifröcke, Hauben, Hüte, Frisuren, Haarschmuck, Gürtel, Handschuhe und Täschchen! All die kleinen modischen Accessoires, deren Fertigung und Pflege ein Heer von dienenden Geistern erforderlich macht. Die oberste, die „göttliche Modistin“, für Marie Antoinette ist Mademoiselle Bertin. Die ehemalige Schneiderin bekommt Macht über die Königin, die ihrerseits für Schmeicheleien einigen Höflingen so manchen Vorteil gewähren kann.
Ist das Kleid ausgesucht, die Königin halbwegs angezogen, erscheint der Hoffrisör, Herr Leonard. Er muss wahre Kunstwerke auf dem zarten Haupt kreieren. Wenn das Haar nicht reicht, wird Fremdhaar oder eine Perücke eingearbeitet. Diese abstrusen Frisurenkreationen der Damen bei Hofe führten zu, baulichen Veränderungen. Mehrfach wurden Türrahmen erhöht. Durchgänge und Theaterlogenmussten ausgebaut, werden, damit die Haartürme der Damen nicht zusammenstürzten.
In den Kutschen mussten die adeligen Demen oft wegen der ausladenden Frisur knien. Eine Qual, auch noch den sperrigen Reifrock in der Kutsche unterzubringen. Jede Marter wurde aus Eitelkeit hingenommen, nur um den Kopfputz nicht zu zerstören. Oft entdeckte man auf den Hütchen der Damen ganze Vogelnester. Auch liebliche Schäferszenen thronten auf dem Hut. So manche Dame hatte mehr auf dem Kopf als im Kopf.


Zurück zur Ankleidezeremonie der Königin: Nach der Prozedur mit der Frisur fehlt noch das i-Tüpfelchen, der kostbare Schmuck! Als Frankreichs erste Dame möchte sie größere Diamanten, Perlen, Ketten, Ringe, Diademe, Armreifen und Aigrettes, federförmige Schmuckstücke für die Haare und Hüte besitzen, als die anderen Damen des Hofes. An Marie Antoinettes großen, schwarzem Samthut glänzte der legendäre „Pitt-Diamant“, benannt nach dem Gouverneur Thomas Pitt, der in Fort George, in Madras, residierte.
Er kaufte den Stein für kostbaren Stein für 1000 $ von einem indischen Diamantenhändler. Der wahre Finder des Diamanten, ein indischer Sklave, hatte den Stein im Jahre 1701 in einer selbst zugefügten Wunde versteckt, und an Bord eines englischen Schiffes geschmuggelt. Sein habsüchtiger Kapitän entdeckte den Stein und ermordete den Finder. Laut Legende bekam er Gewissensbisse und erhängte sich. Der Diamant war nun ein Stein, an dem Blut klebte. Im Jahre 1717 soll er für 650 000 $ an den französischen Hof, an Philipp II, Herzog von Orleans, verkauft worden sein, und zierte seitdem Marie Antoinettes aufgetürmte Haartracht.
Natürlich müssen auch die Schuhschnallen der Regentin glitzern, falls die schlanken, königlichen Fußknöchel neckisch unter dem, mit Edelsteinen bestickten Brokatkleid hervorlugen. Hinzu kamen handbemalte Fächer, die der eng geschnürten Königin ein wenig Luft zufächern sollten, und die vom Maler Jan-Honoré Fragonard (1732-1806) kreiert wurden sind nicht selten über und über mit Diamanten besetzt.

Marie Antoinette hat zwar aus Wien eine reich gefüllte Schmuckschatulle mit Habsburger Kostbarkeiten mitgebracht und zur Hochzeit mit Tronfolger Ludwig den legendären Familienschmuck der Bourbonen geschenkt bekommen, aber sie möchte sehr gerne auch einmal ein neues, modisches Schmuckstück tragen, statt die „alten Klunker“. Darum beschäftigt sie bald Juweliere aus dem In- und Ausland. Darunter sind auch die, aus Deutschland zugewanderten, jüdischen Goldschmiede Böhmer und Bassenge. Sie zaubern für die Königin kostbare, mit Diamanten besetzte Kreationen. An der Unterseite werden die Schmuckstücke zusätzlich oft mit echtem Gold „verbödet“. (unterlegt)

Die Königin ist in ihren Schmuck und ihre Erscheinung geradezu vernarrt. Doch ist sie zufrieden? „Ich habe Angst mich zu langweilen!“ beklagt sie in einem Schreiben an Maria Theresa, worauf diese ein mütterliches Donnerwetter in Form eines weiteren Briefes nach Versailles schickt. Denn inzwischen hat die Tochter eine Idee, wie sie sich, um der tödlichen Langeweile zu entgehen, mehr Abwechslung gönnen kann und sich gleichzeitig volksnah zu geben. Weit gefehlt. Die Not leidende Bevölkerung tobt, weil die Regentin, nur um der lästigen Etikette des Hofes zu entkommen, sich ein eigenes kleines Reich schafft.
Sie baut Trianon, das ehemalige Lustschlösschen Ludwigs XV, nach ihren Vorstellungen und dem verspielten Stil des Rokoko um. Mit den zarten Farben der Wände und den mit Seide bezogenen Möbeln würden Diamanten doch sehr gut harmonieren, sinniert sie. Die Pastellfarben passen gut zu den porzellanfarbig geschminkten Gesichtern, den gepuderten Perücken, und dem kühlen Schimmer der glänzenden Atlas- Brokat- und Seidenstoffe der königlichen Roben. So erstrahlt ein Salon auf Trianon im Glanz einer ganz mit Diamanten besetzten Tapete, während heruntergekommene Familien in den engen Gassen der Vorstadt durch Schlamm waten.
Der Gemahl der Königin, Ludwig, bereits König von Frankreich und Navarra, darf nur nach Voranmeldung auf Trianon erscheinen, und Maries Antoinettes Bett dort ist sowieso zu klein und zart für den behäbigen Herrscher. Peinliche Wahrheit ist, dass Ludwig XVI an einer Phimose litt. Diese Erkrankung macht in den ersten sieben Ehejahren den ehelichen Beischlaf unmöglich. Erst im Jahre 1777 stimmt der König, auf Drängen Josefs II von Österreich, dem Bruder der Königin, einer ärztlichen Behandlung zu.
Obwohl Marie Antoinette in den folgenden zehn Jahren vier Kinder, zwei Jungen und zwei Mädchen zur Welt bringt, von denen sie zwei sterben sieht, werden zu Unrecht Verleumdungen laut, die Kinder der Königin seien Bastarde, und der König ein vielfach gehörnter Mann. Die mangelnde Autorität des Monarchen, das Offenbar werden seiner männlichen Schwäche, wird auf ordinärste Weise mit geschmacklosen Pamphleten, mit Hohn und Spott registriert und sogar in der Presse breit getreten.
Doch Marie Antoinette lebt abgeschirmt in und für ihr kleines Reich Trianon, Miniaturausgabe einer heilen Welt; eine Puppenstube mit, und in der die Herrscherin fast täglich spielt, nur zehn Minuten vom Schloss entfernt. Den König beratend, geben sich immer mehr Sachverständige und Minister mit Reformvorschlägen für den bankrotten Staatshaushalt die Tür in die Hand. Einer nach dem anderen nimmt verzweifelt den Hut oder wird des Hofes verwiesen.
Im Volk, nicht weit weg vom niedlichen Trianon, brodelt es weiter. Hunger und Arbeitslosigkeit bedrücken die Massen, Seuchen und Epidemien in den vernachlässigten Stadtteilen sind vorprogrammiert. Aufkeimende Unruhe im Volk gleicht einem gefährlichen Ungeheuer, das sich Führer sucht, die bereit zum Angriff stehen.
Doch die Königin blickt lieber gerührt auf ihr kleines Volk, ihr Reich das sie sich mit den lieben bescheidenen Menschen geschaffen hat, denen es bei ihr, auf Trianon doch so gut geht!

Die Puppenspielerin

Marie Antoinette stellt echte Bauern und Mägde, Jäger, Wäscher und Käser ein. Sie baut im Park von Trianon einen niedlichen Bauerhof mit echten Kühen, Schweinen, Kaninchen und anderen Hoftieren. Was an Idylle fehlt, wird durch gemalte Kulissen ersetzt!
Wenn Marie Antoinette einmal richtigen Stallgeruch genießen möchte, wird sogar der Boden des Kuhstalls blitzblank geputzt, damit die Königin die Seidenschühchen nicht befleckt. Aus einem kostbaren Sevres- Porzellanschälchen trinkt sie echte, warme Kuhmilch. „Ach, wie ist das einfache Landleben doch so schön“, seufzt sie dann.

Immer erregter reagiert die Bevölkerung auf die Verschwendung. Als durchsickert, dass die Gestaltung der Scheinwelt Trianons 1.649.529 Livres (an die 25.000.000 €) gekostet hat, sich auf Ludwigs Schreibtisch zahlreiche kleine Billets häufen, auf denen mit der fahrigen Handschrift der Königin das Wort „payez“ vermerkt ist, entsteht ein neuer abwertender Begriff, mit dem die Königin tituliert wird. Sie ist unten durch, heißt nun „Madame Defizit“.

Im August 1785 wird der Boden für eine dubiose Geschichte vorbereitet. Gerüchte und Intrigen sind eine hässliche, vernichtende Saat, die sich verdichtet und Marie Antoinette bedroht. Es geht um die legendäre Halsbandaffäre. Und schon sind wir wieder am Beginn der Geschichte
Der Besuch des Juweliers Böhmer. Aufgeregt und blass eilt er am 9.August zum vereinbarten Termin in den Palast und berichtet der Königin, dass eine intime Freundin der Monarchin, die Gräfin Valois de La Motte (1750-1791), den Schmuck im Auftrag der Königin bestellt habe. Als Mittelsmann sei der Kardinal von Rohan eingeschaltet worden, weil angeblich er den Kauf des eine Million teuren Schmucks finanzieren will. Er, der einflussreiche Kardinal, habe sogar den Ratenvertrag als Bürge schon unterschrieben. Auch hätte er auf die Abzeichnung des Dokuments durch die Königin bestanden. Diese königliche Unterschrift habe ihm die Gräfin Valois vorgelegt, wird geraunt. Niemand achtet darauf, dass die Unterschrift lautet: „Marie Antoinette France“. Richtig wäre nur der Namenszug „Marie Antoinette“ gewesen. Die Königinzeichnete stets mit ihrem Namen.

„Die erste Rate ist überfällig“, stöhnt Böhmer. Mittellos steht er da, stammelt unglückliche und wischt sich den Schweiß von der Stirn! Während der verzweifelten Schilderung des aufgeregten Juweliers verfärbt sich das Gesicht der Königin vor Zorn. „Ich kenne keine Gräfin Valois de La Motte“, stößt sie verächtlich hervor, „und habe nie eine Dame dieses Namens vorgelassen“, ruft sie. „Und“, fährt sie fort: „wo ist jetzt dieser Schmuck?“, herrscht sie den Juwelier an. Der Schmuck sei von ihm, Böhmer, eigenhändig dem Kardinal Louis de Rohan übergeben worden! Der Kardinal habe aber bisher noch keine Rate bezahlt, obwohl er doch als Bürge aufgetreten sei! Das Halsband müsse inzwischen längst bei der Königin angekommen sein, konstatiert er verdrossen.
Bei dem Namen Rohan schießt Marie Antoinette wutentbrannt in die Höhe: „Was, dieser widerliche Kerl, der Kardinal, den ich noch nie gegrüßt habe?“ Erregt befiehlt sie dem Juwelier, der nervlich am Ende ist, ein Protokoll über die undurchsichtige Geschichte zu verfassen. Fassungsloshält sie es drei Tage später in den Händen, liest es, wie gewohnt, nur fahrig. Immer verzwickter wird die Geschichte, und die Königin fühlt, dass sie Opfer und Beschuldigte einer frechen und trickreichen Gaunerei wird, wenn in dieser beschämenden Posse nicht bald ein Schlussstrich gezogen wird. (Das Protokoll des Juweliers soll sich noch heute in alten Prozessakten befinden)

Schlimme Zeichen: Die Halsbandaffäre

Zornig vertraut sich die Königin am 14. August ihrem Mann an, stimmt ein Klagelied an, bittet ihn eindringlich, ihre Ehre zu retten und ein Exempel zu statuieren. Sie hat dabei besonders den verhassten Kardinal Rohan im Auge.
Schon ihre Mutter, die Kaiserin Maria Theresia, warnte Marie Antoinette vor dem Kardinal, der im Jahre 1774 wegen zügellosen Lebenswandels vom österreichischen Hof verbannt wurde . Von wem und wie wurde die raffinierte Halsbandaffäre inszeniert? Was war geschehen? Wer war beteiligt? Fest steht, dass Louis René Édouard, Kardinal de Rohan, schon seit langem schmachtend auf eine Gunstbezeugung der jungen Königin wartet, sie aber stets eiskalt an ihm vorbeirauscht.
Das bemerkte die aus ärmlichen Verhältnissen stammende Gräfin Valois. Sie muss ein Quäntchen Valois-Blut in sich gehabt haben, ist angeblich die uneheliche Tochter eines Sohnes Heinrichs II. Hofschmonzetten. Diese Tatsache nutzte die Dame weidlich aus, um sich bei Hofe einzuschmeicheln. Dreist versucht die Hochstaplerin mehrfach, Marie Antoinettes Aufmerksamkeit zu erlangen. Bei öffentlichen Auftritten der Königin fällt sie einige Male, mit theatralischer Pose, demonstrativ in Ohnmacht, wird jedoch stets kühl von der Königin ignoriert. Wie eine Jägerin, dem Wild auf der Fährte, suchte sie nun ein Opfer, um eine Gaunerei vorzubereiten. Sie und ihr Mann, der selbsternannte Graf de La Motte, sind stets in Geldschwierigkeiten, um mit dem Pomp bei Hofe Schritt zu halten. Die Valois spürt förmlich die gleiche Gier de Rohans, nach der Anerkennung der Königin und schlägt, macht sich an ihn heran und schlägt zu. Sie ist hübsch und kennt die Schwäche des Kardinals für Frauen. Sie sucht seine Nähe, erregt seine Aufmerksamkeit und täuscht ihn mit sorgfältig gefälschten, angeblichen Briefen der Regentin. Das Interesse der Monarchin an seiner Person vorgaukelnd, hat sie bei dem eitlen Kardinal ein leichtes Spiel.
Dieser schwebt in den Wolken und bezahlt die Gräfin dankbar, für jedes vertrauliche Billet Krönung des Gaunerstücks ist das Arrangement eines nächtlichen Rendezvous des Kardinals im Park zu Versailles, mit einem Double der Königin, wohl einer Dirne aus dem Pariser Milieu, in dem die Gräfin de Valois sich gut auskennt.

Eine milde Mondnacht im Park zu Versailles. Der liebeshungrige Kardinal geht unruhig zwischen den Parkanlagen hin und her. Er erwartet SIE, seine Königin. Endlich! Ein Rascheln im Gebüsch. Eine zarte, von Schleiern verhüllte Frauengestalt wird sichtbar, nähert sich langsam, mit königlich gemessenem Schritt. Der Kardinal fällt auf die Knie, küsst den Rocksaum der Dame, die mit sanfter Stimme haucht: „Sie dürfen hoffen, dass alles vergessen ist.“

Entzückt, im Glauben, die Königin habe zu ihm gesprochen, ist der verliebte Kardinal Wachs in den Händen der Gauner. Er weiß nicht, dass er gerade den Rocksaum einer Hure geküsst hat. Das Ehepaar De la Motte knöpft ihm noch fünfzigtausend Livres ab, unter dem Vorwand, damit wolle die Königin eine arme Familie unterstützen, sei jedoch zurzeit in einem finanziellen Engpass. Der Kardinal zahlt gern, denn jeder bei Hofe und in Paris weiß von der Verschuldung der Königin und von ihrer Verschwendungs- und Putzsucht.

Gräfin Valois erklärt dem Kardinal, dass er der Königin einen weiteren großen Gefallen erweisen kann, wenn er für Marie Antoinette heimlich ein kostbares Diamanthalsband erwirbt, das sie sich so sehr wünscht. Und auch dazu willigt der Kirchenmann ein. Um für die Königin zu bürgen, besteht er allerdings auf einen Vertrag, mit der Unterschrift der Regentin. Den bekommt er, jedoch die Unterschrift der Marie Antoinette, von der Valois ausgefertigt, ist natürlich, wie schon erwähnt, eine dreiste Fälschung. Weder der Kardinal, noch der Juwelier bemerken den Betrug. Juwelier Böhmer bringt dem Kirchenfürsten sogar höchstpersönlich die kostbar gefüllte Schmuckschatulle. Geschickt inszeniert, tritt dann ein distinguiert wirkender, schwarz gekleideter, angeblicher Sekretär der Königin, ein gewisser Marc-Antoine Rétaux de Villette ins Bild mit den smarten, Respekt gebietenden Worten:
„Im Auftrage der Königin!“ Er nimmt die Schatulle und verschwindet mit dem Diamanthalsband auf Nimmerwiedersehen. Einige Pariser, und später auch Londoner Juweliere, wundern sich, plötzlich eine Schwemme feinster, aber günstiger Diamanten zum Kauf angeboten zu bekommen. Die La Motte‘s leben zunächst noch, bis zu ihrer Verhaftung in Saus und Braus.

Unbesonnen, das Handeln der Königin in der Halsbandaffäre. Sie lässt sich nur von ihren Gefühlen leiten und dem Hass auf Kardinal Rohan. Wieder wartet Sie auf Beweise, prüft aber nicht nach, denn sie verachtet den Kirchenmann so sehr, dass sie ihm öffentliche Schmach wünscht, und das wäre, zum Beispiel, seine öffentliche Verhaftung!

Am 15. August 1785, dem Namenstag der Königin, ist alles, war Rang und Namen hat, zum Fest Maria Himmelfahrt im Schloss versammelt, um zum Pontifikalamt zu schreiten. Kardinal de Rohan, beeindruckend in seiner scharlachroten Soutane, das Chorhemd schon übergestreift, bereit, das Pontifikalamt würdig zu zelebrieren, wird plötzlich aus den Messevorbereitungen gerissen und zum König zitiert. Dort stellt der Monarch, unter dem Druck seiner Frau, den fassungslosen, bestürzten Kirchenmann kurz wegen der Halsbandaffäre zur Rede, und bittet ihn streng, sofort eine schriftliche Version der ungeheuren Tat zu verfassen, ein Geständnis. Nach kurzem, erregtem Wortwechsel verlässt der überrumpelte Kardinal völlig verstört den Raum und hört überrascht hinter sich den Befehl des königlichen Wachsoldaten und dem, der Königin vertrautem vertrauten Breteuil: „Verhaften sie den Herrn Kardinal!“
Angetan mit dem roten Kardinalsgewand wird de Rohan vor den Augen der überraschten Repräsentanten Frankreichs abgeführt. Bleich und bis ins Mark verletzt übersteht er nur mit Mühe den Spießrutenlauf durch die neugierige, sich entsetzt teilende Menge.
Kardinal Rohan, Reichsfürst des Elsass, Großalmosenier des Königs, Mitglied der Französischen Akademie und Träger mannigfacher Würden, wird wie ein Verbrecher behandelt und abgeführt. Die aufgescheuchte Gesellschaft hat das hl. Pontifikalamt vergessen, dafür brodelt die Gerüchteküche. Entsetzt, verdrossen und empört schaut mancher Adelige nach dieser peinlichen Vorstellung starren Auges am Königspaar vorbei.

Am 31.Mai 1786 wird der Kardinal frei gesprochen. Ein Faustschlag für Marie Antoinette. Die Schmutzkampagne, die bei dem Prozess aufgewühlt wird, und die Offenlegung der Finanzmisere, haben vernichtenden Folgen für das Ansehen des angeschlagenen Königshauses. Hohn, Spott und Hass richten sich vor allem gegen Marie Antoinette, die naiv darauf vertraute, dass das Volk ihr, der Königin glauben würde. Warum sollte es?
Nach der Urteilverkündung ertönt nicht das gewohnte „Es lebe der König“ sondern erstmalig ein donnerndes: „Es lebe das Parlament!“ Eine begeisterte Menge feiert die Richter.

Für die aufgewiegelte Masse ist Marie Antoinette die Schuldige des Prozesses. Die Gräfin Valois wird auf grauenhafte Weise öffentlich mit dem V (voleuse, dt. Diebin) gebrandmarkt, doch hängt dieses Zeichen schon symbolisch über dem Haupt Marie Antoinettes. Für die gaffende Menge ist sie unmoralisch und die Hure des Trunkenboldes Ludwig. Gräfin de Valois de La Motte gelingt die Flucht nach England. Von dort schüttet sie ihren tiefen Hass durch Veröffentlichung obszöner Schriften über die Königin aus, bis dass sie im Jahre 1791 betrunken aus dem Fenster ihrer Behausung stürzt. Inzwischen kursieren auch in Paris verhöhnende Karikaturen und Pamphlete, in denen z. B. über „La vie scandaleuse de Marie Antoinette“ oder über das „Bordel Royal“ berichtet wird. Im Oktober 1789 wird die königliche Familie durch einen Proteststurm, revoltierender Frauen auf Schloss Versailles, gezwungen in die Tuilerien zu ziehen. Der Ansturm der Pariser Bürger und Frauen wird von der Nationalgarde unterstützt.

Fluchtgedanken

20. Juni 1791. Im Schutz der dunklen Juninacht verlässt eine unbeleuchtete riesige Luxuskarosse unbemerkt den Park der Tuilerien. Die Königsfamilie ist auf der Flucht. Ein enger Freund der Königin, der schwedische Diplomat Graf Axel von Fersen (1755-1810) hat einen cleveren Fluchtplan ausgeklügelt. Die Fahrt geht nach Varennes. Dort sollen die Flüchtenden durch schützende Abteilungen der Kavallerie des Generals Bouillé. Die auffällige Karosse, das schwankende Riesenschiff, ist zu schwer und zu groß! Viele Tage hat die königliche Familie damit vertrödelt, das große Schlachtschiff noch mit weißem Damast auszuschlagen, kostbaren Hausrat, Nachtgeschirre und Stühle hereinzuschleppen, neue Reisekleider und Koffer, und, nicht zu vergessen, einen ganzen Weinkeller für den König!
Geplant Von Graf Fersen war eine Gruppe von fünf Flüchtenden: Vater, Mutter, die Schwester des Königs und zwei Kinder. Nun schwankt eine kolossartige Prachtkutsche mit vierzehn Personen, denn wer verzichtet schon gerne auf Dienerschaft, raucht durch die Provinz und erregt natürlich überall großes Aufsehen. Enttäuschung in Varennes: Die erwarteten Truppen sind inzwischen versprengt, und die Flüchtenden viel zu spät am vereinbarten Punkt.
Das ist das Aus für die Königsfamilie. Die Rückkehr, statt nach Versailles, endet die Reise in den Tuilerien, dem alten Palast, der jetzt zum strengst bewachten Gefängnis wird. Eine Schmach!
Trotz dieser Schicksalsschläge versucht Marie Antoniette, endlich wach geworden, noch während des Aufenthaltes in den Tuilerien, immer wieder, ihren Mann aus seiner politischen Trägheit zu reißen, Lösungen der Staatskrise zu finden, politische Kontakte, auch mit ausländischen Monarchen zu knüpfen, sich endlich Respekt zu verschaffen. Wie weggefegt ist die strahlende Larve, hinter der sich eine wirkliche Regentin mit Charakterstärke verbirgt, die jedoch die Zeichen der Zeit nicht rechtzeitig erkannt hat. Es ist zu spät.

Eine wahre Königin und ihr Ende

Die nächste Station der Königfamilie auf dem Weg ins Aus ist die Überführung in das Gefängnis, den so genannten „Temple“. Für Ludwig XVI ist das bis zur Hinrichtung am 21. Januar 1793 die letzte Station.
Zwei Kinder begleiten sie zunächst, dann werden sie der Mutter weggenommen. Marie Antoinette harrt noch einige Monate, trotz schwerer Erkrankung und inneren Blutungen, in der kalten feuchten Todeszelle der Concigerie. Sie wird sie zur eifrigen Bücherleserin. Man kann kaum genug Lesematerial herbeischaffen.
In diesen letzten Monaten ihres Lebens hat sich Marie Antoinette Achtung bei den Menschen, die sie umgaben, erworben. Sie hat erst in der Krisensituation Größe gezeigt, königliche Haltung bewahrt. Politisch spielte Sie ein gefährliches Doppelspiel, verbündete sich z.B. scheinbar mit den Revolutionären, bat aber zunächst auch ihren Bruder Leopold II um militärische Hilfe, wandte sich auch an den Nachfolger Franz II. Doch die politische Lage war prekär: Krieg in Deutschland, die Belagerung von Mainz durch französische Truppen im Kriegsjahr 1792/1793.
Not und Schicksalsschläge haben zu spät königliche Tugenden hervorgebracht, die Marie Antoinette durchaus besaß. Sie gebar nach dem Halsbandskandal noch eine Tochter, Sophie Helen. Schon Ein Jahr später starb das Kind an Knochentuberkulose, und 1789 folgte der Sohn Louis Xaver. Ihr Sohn und Thronfolger, Ludwig, stirbt 1795, gefoltert, und zu Falschaussagen gegen seine Mutter gezwungen, im Temple. Aufrecht und würdevoll schreitet Marie Antoinette am Morgen des 16. Oktober 1793 aufs Schafott.
Sie bittet in letzten Briefen alle, die sie kennen, um Verzeihung für jedes ihnen zugefügte Leid und verzeiht all ihren Feinden alles Böse.

Epilog

Was ist aus Marie Antoinettes Schmuck geworden? Von dem verhängnisvollen Halsband existiert nur noch ein Kupferstich. In den Tagen der Stürmung der Bastille wurde der Schatz des Königshauses, verwahrt in der Abtei Saint Denis, geplündert, und die Gräber dort bestatteter Könige geschändet.
Ab und zu tauchten und tauchen auf europäischen Auktionen Schmuckstücke auf, die angeblich aus dem Besitz Marie Antoinettes stammen. Die Damen der napoleonischen Ära begeisterten sich eher für das unschuldige Weiß der Perlen. An auffälligem Diamantschmuck des Ancient Régimes „klebte ihnen zu viel Blut .......“
Die Eingangs beschriebenen Diamant-Ohrringe, 35 Carat schwer, sollen im Jahre 1887 bei einer großen Versteigerung französischer Kronjuwelen in den Besitz der russische Prinzessin Tatjana Youssoupova übergegangen sein.
Der große „Pitt“, später auch „Regent-Diamant“ genannt, soll nach der Revolution in einem Loch im Gebälk einer Pariser Dachstube gefunden worden sein. Napoleon I ließ ihn in den Griff seines Schwertes einsetzten. Heute wird der Stein im Louvre verwahrt.
Marie Antoinette hat in den letzten Monaten ihres Lebens kleine, viel bescheidenere, aber sehr persönliche Schmuckstücke verschenkt, an denen sie hing, die mit ihrem Schicksal verbunden waren.

Als ihre Hofdame, Fürstin Marie Thérèse Lamballe (1749-1792) im September 1792 aus dem Temple abgeführt wird, steckt Marie Antoinette ihr einen Goldring mit eingeschlossener heller Haarsträhne zu, mit der tragischen Inschrift: „Sie sind weiß geworden durch das Unglück“.
Der Ring soll später neben der zerstückelten Leiche der Gräfin gelegen haben. Der Kopf der Hofdame wurde aufgespießt und von grölenden Menschen durch die Straßen getragen.

Ein Siegelring Ludwigs XVI mit einem Büschel seiner Haare, die er sich kurz vor seiner Hinrichtung abschnitt. Diese „Reliquien“ ließ Marie Antoinette den Brüdern Ludwigs zukommen.

Einen Goldring, mit dem Wappen Graf Fersens und der eingravierten Inschrift „Tutto a te mi guida“ „Alles führt mich zu dir“, trägt Marie Antionette täglich im Gefängnis.

Fersen soll als Pendant dazu einen Ring mit Lilienwappen und der Inschrift „Feige, wer sie verlässt“ getragen haben. Kurz bevor ihr der letzte Schmuck abgenommen wird, drückt Witwe Capet, wie sie nun genannt wird, das Wappen heimlich in Wachs, lässt den Abdruck aus der Zelle schmuggeln und an den Grafen senden; ein Zeichen für den geliebten Freund, dass sie bis zu ihrem Tod an ihn denkt.

Bis kurz vor der Hinrichtung verwahrt sie noch ein Medaillon mit den Haaren ihrer Kinder auf, sowie eine kleine Golduhr ihrer Mutter. Als ein Getreuer noch einmal versucht, sie kurz vor ihrer Hinrichtung zur Flucht zu bewegen, der Plan jedoch misslingt, deckt Marie-Antoinette den Mann und verschlimmert dadurch ihre Haftsituation. Zur Strafe wird ihr der letzte Erinnerungsschmuck an ihre Familie genommen. Die Königin ist tot, es lebe die Königin!

Alexander Kucharski (1741-1819): Marie Antoinette als Witwe Capet in der Conciegerie

Quellen:
Propyläen, Geschichte Europas, Bd.4, Verlag Ullstein 1975
Geschichte Europas, R. Piper & Co.; München, Zürich 1979
Geschichte in Quellen, Amerikanische und französische Revolution, Bayrischer Schulbuchverlag München 1981
Stefan Zweig, Marie Antoinette, eine Biographie, Fischer Verlag Frankfurt 1980
Guido Gregorietti, Gold und Juwelen, Verlagsgruppe Bertelsmann 1971
Anderson Black, Die Geschichte des Schmucks, Südwest Verlag München 1976,

 

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