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Erzählung "Schmetterlingsflügel".
Leseprobe: Vorwort und Kapitel 17 VorwortDiese Geschichte beginnt ein Jahr nach dem Ende des 2.Weltkrieges in einem kleinen westfälischen Dorf, das vor tausend Jahren erstmals in den Annalen eines Klosters auftauchte. Nennen wir es einfach „Schlossberg“, denn außerhalb des Ortes steht ein repräsentativer Adelssitz.
Das Dorf hat eine hundert Jahre alte Kirche und einen schönen, von Bäumen umgebenen Kirchplatz, um den sich ansehnliche alte Häuser, darunter drei Gasthäuser, reihen. Das Aufregendste für die Nachkriegskinder die hier in der Gegend wohnen, ist die alte Gruft unter der „neuen Kirche“ aus dem 19. Jahrhundert, denn die Tür der Gruft ist defekt und steht offen. Ebenso aufregend ist der „Fledermauskeller“, der in der Nähe der Schlossanlage im Wald versteckt liegt. In diesem unterirdischen Gemäuer wurde in alten Zeiten Eis aufbewahrt, damit die Herrschaften sich auch im Sommer an exotischen Köstlichkeiten freuen konnten. In dieses malerische Kirchspiel gelangt Anfang 1946 eine Familie aus dem Rheinland, die während der letzten Kriegsjahre nach Litauen evakuiert war. Die Mutter und die vier Kinder haben eine entbehrungsreiche, schreckliche, monatelange Flucht aus dem Osten hinter sich. Nach einigen Monaten wird die so genannte Kaplanei im Dorf frei, die ebenfalls zu den historischen Bauwerken des Ortes gehört. Einige hundert Meter weiter führt ein Weg über einen Mühlbach. Dort steht eine uralte Hofanlage für mehrere Landarbeiterfamilien, zu der auch eine alte Mühle mit einem großen Mühlrad gehört. In dieser scheinbaren Bilderbuchidylle, ja in einer fast märchenhaften Umgebung, wächst die kleine Elisa auf, die als Säugling mit ihren größeren Geschwistern die Flucht überlebte, aber nicht ohne seelische und gesundheitliche Schäden. Die Vergangenheitsbewältigung der schrecklichen Kriegserlebnisse, die auch bei den Kindern schmerzhafte und teilweise verheerende Spuren hinterlassen haben, findet nicht statt. Da erschafft sich das phantasievolle Mädchen ein Geheimnis, um den grauen Alltag und die Bedrückung zu ertragen: 17. Tod im KornfeldDer Mann rannte und duckte sich plötzlich in seinem schnellen Lauf.
Das Kornfeld am Haus, Barbara Stewen 2007
Der Mann war noch jung. Nach dem Krieg hatte er keinen Fuß mehr auf die Erde bekommen und war in so genannte schlechte Gesellschaft geraten. Zwei Jahre musste er nun noch verbüßen! Für ihn eine zu lange Zeit. Er wollte nicht mehr warten! Er wollte frei sein! An diesem heißen, sonnigen Sonntagmorgen, umgeben von wogenden Kornfeldern und einer idyllischen Bauernschaft, schien ihm dieses Fleckchen Land wie ein Paradies auf Erden, sofern man sein Leben nicht hinter Gittern verbringen musste. Hier draußen spielte sich für ihn das volle Leben ab! Lauernd arbeitete der Gefangene weiter. Aus den Augenwinkeln sah er die Kutschen der Bauern, die ratternd über den Feldweg fuhren, sonntäglich angezogene Kinder in weißen Sonntagsschürzchen, aus Voile, junge hübsche Frauen in luftigen, geblümten Sommerkleidern, und die gepflegten Bauerngärten, die von dichten, hohen Hecken umgeben waren. Er nahm alles sehr intensiv wahr: Die Bienen, die sich summend auf den Kornblumen niederließen, die Pferdefliegen, die den Ackergaul umschwirrten, ihn quälten, um dann von seinem langen Schweif ungeduldig verjagt zu werden. Er sah Vögel, die gierig über dem Feld kreisten, sich bereit hielten, das gedroschene, heruntergefallene Korn zu stibitzen, und er erblickte auch, als er sich bückte, um eine Garbe zu binden, durch seine gespreizten Beine die blanken Lederstiefel des Aufsehers am Rande des Feldes! Vor den Feldern verlief ein Landwirtschaftsweg. Das angrenzende Kornfeld war etwa zu einem Drittel abgemäht, jedoch schlossen sich rundherum weitere schützende Felder an, deren meterhohe Halme wie ein wogendes, gelbes Kornmeer wirkten. Aus den Augenwinkeln bemerkte der Mann nun, dass der Aufseher zu dem Mannschaftswagen ging, der die Gefangenen hergefahren hatte. Fast automatisch spannte sich der Körper des Gefangenen! Er wollte frei sein! Blitzschnell rannte er los. Er lief um sein Leben, lief auf das schützende Kornmeer zu, hörte von Ferne aufgeregte Rufe und den Befehl: „Halt, stehen bleiben, oder ich schieße!“. Als der Flüchtende das Feld erreichte, spürte er, wie der Warnschuss über ihn hinwegpfiff. Reflexartig duckte er sich, als der zweite Schuss abgefeuert wurde, und brach, eine blutige Spur auf dem Ackerboden hinterlassend, zusammen. Noch einmal versuchte er, ein Stück weiterzukriechen, und gab dann auf. Tröstlich schien ihm nun der Klang der Glocken, der sich mit dem Rauschen des Kornfeldes zu einem lauten Brausen vermischte, und mit letzter Anstrengung kam aus dem Mund des Sterbenden der verzweifelte Satz: „Oh Gott!“ Dann fiel sein Gesicht auf die Seite, und die Blutlache gab dem blassen Antlitz des jungen Mannes einen erschreckenden Rahmen. Ein Anblick, der dem herbeistürmenden Aufseher noch Jahre lang im Gedächtnis blieb. Er hatte die Beine des Flüchtenden treffen wollen, und gerade dann geschossen, als sich der Mann blitzschnell duckte. Der später eintreffende Arzt konnte nur noch dem Aufseher helfen, der einen Kreislaufkollaps erlitten hatte. Die Fensterscheiben des sonntäglichen Stübchens klirrten, als der erste Schuss fiel. Der Knall zerriss jäh die sonntägliche Idylle. Fast synchron setzten Vater und Mutter mit erschreckten Mienen die Kaffeetassen des Sonntagsgeschirrs ab. Der Kaffee schwappte über und hinterließ eine braune Lache auf der weißen Untertasse und ertränkte im Nu das bunte Blümchenmuster des Geschirrs. Da fiel der zweite Schuss. Der Vater sprang so vehement auf, dass der schwere Eichenstuhl umkippte. „Da ist was passiert!“ polterte er, rannte nach draußen, lief auf das Feld zu, stürmte mitten in den aufgeregten Lärm, die entsetzten Schreie und das ratlose Stimmengewirr. Die Mutter, Otto, Johann, Anna und Elisa saßen zunächst erschreckt und wie gelähmt mit offenem Mund auf ihren Stühlen. Bewegung kam nur in die Fliegen, die sich nun unbemerkt über Honig, Marmelade, Schinken und Sonntagsstuten hermachten, nicht fürchtend die Fliegenklatsche und das klebrige Insektenband, das unter der niedrigen Holzdecke hing. Nun kam Bewegung in die Gruppe. „Da ist einer erschossen worden!“ rief Otto folgerichtig, und stürmte mit Johann zur Tür. Jetzt hatte sich auch die Mutter von dem Schrecken erholt und verbot sofort den Mädchen mit aufgeregter Stimme, auch nur einen Schritt vor die Tür zu tun. „So Schüsse haben wir doch im Krieg oft gehört!“ maulte Anna, doch die zitternde Stimme verriet ihre Angst. Elisa hatte sich hinter dem großen Eichensessel versteckt, schaute aber neugierig über die Mähne des Löwenkopfes, der den Sessel zierte. So konnte sie den Garten sehen, und die hohe Hecke, die das Feld vom Garten trennte. Die Szenen, die sich abspielten, erinnerten Elisa an ein Kasperle-Theater. Sie sah nur Köpfe, die sich hin-, und herbewegten. Die Körper wurden von der Hecke verdeckt. Sie erspähte das dicke, rotbackige Gesicht des Dorfpolizisten, der solch ein Tschako trug, wie der Polizist in Johanns Kasperle-Theater. Der dicke Polizist, „Tschimmeg“ genannt, wurde im Dorf oft belächelt, doch nicht wegen seines gewaltigen Körperumfanges. Wenn er mit seinem Fahrrad unterwegs war, stießen sich die Kinder grinsend an und sagten: „Guckt mal, der Tschimmeg, der hat doch in seiner Pistolentasche bloß wieder ne Speckseite und ne Stulle versteckt!“ Dann fuhr Tschimmeg die Kinder an: „Ihr bösen Bengel, wartet, bis dass ich euch mal erwische!“ Dabei drohte er jedes Mal mit seinem Schlagstock, wodurch das Fahrrad bedrohlich ins Schwanken kam, so das die Kinder kreischend auseinander stoben und dem Polizisten lachend nachschauten, weil sein breites Hinterteil zu beiden Seiten des spitzten Ledersattels herunterhing.. Autos fuhren nun auf das Feld zu und bahnten sich vorsichtig den Weg durch die Menschenansammlung. Die Stimme des Vaters war unüberhörbar. Er schien die Sache zu regeln, so wie er immer alles regelte, dachte Elisa beruhigt. „Ob wohl jemand schwer verletzt ist?“ fragte sie sich immer wieder. Nun kam eine ganze Prozession von Männern auf den Hof zu. In der Mitte bewegte sich, leicht schwankend, der Aufseher in seiner olivefarbenen Uniform. Ein Motor sprang an, und ein dunkles Auto, das Ähnlichkeit mit einem Lieferwagen hatte, entfernte sich in Richtung Landstraße. Das Feld war abgesperrt. Zwischen den Zuschauern am Rand des Feldes, erblickte Elisa auch Johann und Otto. Elisa erspähte Johanns ernste Miene. Er wandte er sich traurig vom Schauplatz ab und ging auf den Hof zu. Sein Gesicht war schreckensbleich. Elisa schlich in die Küche und sah sich um. Die Mutter war nicht zu sehen. Schnell eilte sie durch die Ställe, erreichte die Tenne und spähte durch das große Hoftor. Sie erblickte den Aufseher. Er hatte sich an die alte Scheunenwand gelehnt, die aus rauen Backsteinen bestand. Das Gesicht des Mannes war blass und bildete einen Kontrast zur braunroten Mauer. Die Uniformmütze war in den hager aussehenden Nacken gerutscht. Das dunkelblonde, sonst gescheitelte und gewellte Haar des kleinen, eher schmächtigen Aufsehers hing nun strähnig in der schweißnassen Stirn. Diese war dort, wo üblicherweise die Mütze saß, kalkweiß. Das übrige Gesicht, sonst sonnenverbrannt, hatte nun den Ton blassen Milchkaffees angenommen. Mit leiser Stimme stand der Aufseher Elisas Vater und einem Polizisten aus der Kreisstadt Rede und Antwort. „Ich wollte dem Mann in die Beine schießen, da hat er sich blitzartig im Schutz des Kornfeldes gebückt...! Mein Gott!“, brach es mit einem Mal verzweifelt aus dem Mund des Mannes heraus: „Ich habe einen jungen Menschen erschossen!“ „Na, na, Haltung Mann, sie war’n doch mal Soldat! Ist doch gar nicht so lange her! Kopf hoch, mein Lieber!“ meinte der leitende Polizeibeamte mit schnarrendem Unterton. Doch der Aufseher wandte sein blasses Gesicht ab und drehte den Kopf zur Seite, so dass Elisa für einen Moment in seine Augen sah, in denen so viel Verzweiflung stand, dass sie seltsam berührt und betreten zur Seite schaute. Nun erst begriff sie in vollem Maße, was geschehen war. Ein Mann war erschossen worden, aber einen Mörder hatte sie sich ganz anders vorgestellt. Elisa schauderte. Sie hatte die Gefangenen, die zur Erntezeit geholt wurden, des öfteren gesehen. Einige schenkten ihr ab und zu ein Lächeln, wenn sie in einem Gefangenentransportwagen in den Hof einfuhren, und Elisa dort gerade die Hühner fütterte, oder mit Hund Möhrchen spielte. „Vielleicht kenne ich ja den Gestorbenen?“, dachte sie, und versuchte sich einige Gesichter vor Augen zu rufen. Ein Antlitz ließ sie nicht los: Das Gesicht eines dunkelhaarigen Mannes, mit Augen von einem intensiven Blau. Der hatte ihr schon einmal freundlich zugerufen: „Na, Kleene, wie heest’e denn?“ „Dieser Mann“, so überlegte Elisa, „hatte stets zum Gefangenentransport gehört!“ Einmal bemerkte sie auf seinem Unterarm eine Tätowierung in Form eines Ankers. Obwohl ihre Neugier geweckt war, scheute sich Elisa, dem Mann Fragen zu stellen, denn die Mutter hatte sehr eindrücklich betont, dass sie sich von den Gefangenen fernhalten solle. Jedoch auf die freundliche Frage des Gefangenen nach ihrem Namen hatte sie zunächst nur schüchtern den Kopf schief gelegt, den Mann scheu angelächelt, verlegen an ihrem Schürzenzipfel gedreht und kaum hörbar „Elisa“ gehaucht. Dann war sie blitzschnell weggerannt. „Lieber Gott“, betete sie nun: „Bitte, lass nicht den Mann mit dem Anker auf dem Arm tot sein!“ Betrübt ging sie zur Hundehütte, holte sich Möhrchen, verschwand auf dem Heuboden, und erzählte dem Tier die ganze Geschichte, während sich ihr Gesicht in sein Fell drückte. Doch ganz tief im Herzen wusste sie, dass sie den Mann mit den blauen Augen und dem Anker auf dem Arm nie mehr wieder sehen würde.
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